„Der Islam soll Lösung aller Probleme sein“

Erschienen auf nationalgeographic.de am 1. August 2014

ISIS im Irak, Boko Haram in Nigeria und die Salafisten in Deutschland. Islamisten machen vielen Menschen Angst, wohl auch deshalb gibt es über den Islam als Religion so viele Missverständnisse. Der Politik- und Islamwissenschaftler Stephan Rosiny klärt auf.

Entführungen, Überfälle, Morde – das Vorgehen islamistischer Gruppen wie Boko Haram in Nigeria und ISIS in Irak erschreckt uns. Warum gehen die Milizen so brutal vor?
Es geht diesen radikalislamistischen Gruppen um Einschüchterung, man will unter den Gegnern Angst und Schrecken verbreiten. Damit sind die Kämpfer des „Islamischen Staats im Irak und in Großsyrien“ (ISIS) äußerst erfolgreich, denn viele irakische Regierungssoldaten sind Hals über Kopf geflohen. Zudem haben islamistische Extremisten eine konkrete Endzeiterwartung. Durch den Kampf gegen vermeintlich Ungläubige versprechen sie sich einen Platz im Paradies. Für die Kämpfer von ISIS und Boko Haram ist Gewalt somit ein legitimes Mittel, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Religion prägt die gesamte Vorstellungswelt?
Allgemein sehen Islamisten im Islam die Lösung auf sämtliche Probleme. Für die Anführer von ISIS beispielsweise ist der Salafismus, eine sehr fundamentalistische und exklusive Deutung des Islam, das einzig richtige Verständnis ihrer Religion. Salafisten legen die islamischen Quellen wortwörtlich aus, für sie gilt stets die strengste Regel – auch wenn es liberalere Interpretationen derselben Textstelle gibt. Nehmen Sie als Beispiel die Verschleierung der Frau. Dafür gibt es unter Muslimen mehrere Auslegungen. Aus dem Koran selbst lässt sich noch keine Verschleierungspflicht ableiten, sondern erst aus ergänzenden, uneinheitlichen Prophetenüberlieferungen. Die Salafisten verlangen, dass Frauen sich voll verschleiern, das heißt auch ihr Gesicht.

Lesen Sie hier das ganze Interview.

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Gerd Ludwig: „Tschernobyl ist das Zentrum meiner Arbeit“

Lisa Srikiow ©, nationalgeographic.de vom 23.04.2014

Seit dem Reaktorunglück im Jahr 1986 besucht der NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotograf Gerd Ludwig die Ukraine immer wieder – nun erscheint sein neuer Bildband „Der lange Schatten von Tschernobyl“ mit einem Vorwort von Mikhail Gorbatschow. Zur Finanzierung des Buches läuft bis zum 20. April eine Crowdfunding Kampagne auf Kickstarter. Im Interview erklärt er, warum ihn dieses Thema nicht loslässt.

Wie haben Sie damals von dem Atomunglück in Tschernobyl erfahren?
Tatsächlich hörte ich von dem Unfall erst später – ich war damals in einer abgelegenen Gegend in Kanada unterwegs. Nachrichten haben mich dort nicht erreicht. Erst als ich mit Freunden und Bekannten in Deutschland sprach, erfuhr ich davon. Anfang der neunziger Jahre recherchierte ich für NATIONAL GEOGRAPHIC dann das Thema Umweltschäden in der Sowjetunion. Es war das erste Mal, dass ich mich auch professionell mit Tschernobyl beschäftigte. Seither war ich viermal dort. In den Jahren 1993, 2005, 2011 und 2013 war ich insgesamt neunmal in der Sperrzone und habe zusammengenommen mehr als vier Monate dort und in nächster Umgebung fotografiert.

Wie entstand die Idee zu diesem Buch?
Dieser Bildband ist das Ergebnis eines größeren Projekts. Zum 25. Jahrestag des Unglücks von Tschernobyl, also 2011, habe ich verschiedenen Redaktionen vorgeschlagen, für sie noch einmal in die Ukraine zu fahren und dort eine Reportage zu fotografieren. Niemand hatte Interesse. Daraufhin habe ich eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um meine Recherchen zu finanzieren. Das Thema hat mich nicht losgelassen. Ich war immer davon überzeugt, dass Atomenergie ein großes Risiko darstellt.

Die Kampagne war sehr erfolgreich. Sie haben mehr 20.000 Dollar gesammelt – viel mehr als erwartet.
Ja, und das, obwohl Crowdfunding damals noch nicht besonders bekannt war. Aber das Thema war mit einem Mal wieder ganz oben auf der Tagesordnung: Als ich 2011 in Tschernobyl unterwegs war, explodierte der Reaktor in Fukushima. Auf traurige Art und Weise habe ich von diesem Unglück profitiert, die Spenden schnellten in die Höhe.

Bei Ihrer letzten Reise waren Sie so tief im Reaktor wie nie zuvor. Wie haben Sie dort gearbeitet?
Zuerst einmal ist es ziemlich schwierig, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Durch meinen Auftrag von NATIONAL GEOGRAPHIC im Jahr 2005 hatte ich aber gute Kontakte und bekam schließlich die Erlaubnis. So war es mir möglich, tiefer in das Innere des zerstörten Reaktors vorzudringen als je ein anderer westlicher Dokumentarfotograf. Nachdem ich meine übliche Schutzkleidung sowie einen vier Millimeter dicken Plastikoverall angezogen und mich mit einem Geigerzähler und Dosimeter ausgerüstet hatte, machte ich mich mit meinem Begleiter ins Innere. Die Strahlung dort ist so hoch, dass unser Aufenthalt trotz der Schutzkleidung auf 15 Minuten pro Tag beschränkt war. Es war die größte fotografische Herausforderung, die ich je erlebt habe. Die Umgebung war dunkel, laut und beklemmend. Wir eilten durch einen spärlich beleuchteten Tunnel, der mit Kabeln, zerfetzten Metallteilen und Schutt übersät war. Ich bemühte mich, nicht zu stolpern. Denn der aufgewirbelte, radioaktive Staub ist viel gefährlicher als die Strahlung an sich.

Hatten Sie nicht den Wunsch, so schnell wie möglich zu entkommen?
Ich war hin- und hergerissen zwischen meinem Überlebensinstinkt und dem Drang, dort länger zu fotografieren. Der Adrenalinschub war unglaublich. Ich hatte weniger als 15 Minuten Zeit, um eindringliche Bilder zu machen. Ich wusste, dass ich wohl nie wieder Zugang zu diesem Bereich haben würde. Nach der Hälfte der erlaubten Zeit begannen zudem alle unsere Geigerzähler und Dosimeter zu piepen – ein unheimliches Konzert. Unsere Zeit lief ab. Es war eine immense Herausforderung, konzentriert, effizient und schnell zu arbeiten, ohne in Hektik zu verfallen. Es gab weitere Situationen, in denen mir nicht ganz wohl war. Zum Beispiel besuchte ich in der Zone um das Atomkraftwerk viele Rückkehrer. Das sind vor allem alte Menschen, die ihren Lebensabend in ihrer Heimat verbringen wollen. Als sie mir selbstgezogenen Salat aus ihrem Garten und selbstgebrannten Schnaps anboten, wurde ich sehr unsicher.

Haben Sie das Essen angenommen?
Ja. Als Fotograf bin ich auf das Vertrauen dieser Menschen angewiesen. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen.

Welche Menschen leben noch in der Zone?
Das sind die Rückkehrer, die mittlerweile von den Behörden geduldet werden. Zudem patrouillieren Milizen und es gibt einige Ärzte, die sich in unregelmäßigen Abständen um die alten Leute kümmern. Ich habe übrigens gesehen, dass die Ärzte und Patrouillen dort angeln und Pilze sammeln – unvorstellbar. Am Kernkraftwerk selbst arbeiten überdies noch viele Menschen, um den neuen Schutzmantel zu errichten.

Welche Veränderungen haben Sie über die Jahre noch festgestellt?
Der neue Schutzmantel verändert das Bild der Gegend dort sehr. Gleichzeitig verfallen die Gebäude und Häuser immer weiter, mittlerweile stürzen selbst die ersten Plattenbauten in Prypjat zusammen.

Werden Sie bald wieder in die Ukraine zurückkehren?
Der Abschluss des Buches ist erst einmal eine Zäsur mich. Zudem muss man abwarten, wie sich die Region in der aktuellen Krise entwickelt. Ganz abgeschlossen ist das Projekt jedoch nicht, Tschernobyl ist ein entscheidendes Thema für mich. Mehr noch, es ist das Zentrum meiner Arbeit.

Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage von Gerd Ludwig und auf Facebook sowie auf der Website des Projekts selbst.

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Wie treffe ich eine Entscheidung?

Der Psychologe Gerd Gigerenzer gibt Tipps und erklärt, warum man sich mit der ersten Stelle nicht fürs ganze Leben festlegt 

Aus ZEIT Campus Ratgeber 2/2013

Herr Gigerenzer, wie sollte man vorgehen, wenn man eine wichtige Entscheidung zu treffen hat?
Man sollte nicht zu viele Informationen sammeln, denn das schadet der Entscheidungsfindung. Je mehr Input man be­kommt, desto mehr denkt man darüber nach – und die Entscheidung verzögert sich. Deshalb sollte man sich beschränken.

Welche Informationen sind sinnvoll?
Es lohnt sich, bei Menschen nachzufragen, die Erfahrung auf dem Gebiet haben, für das man sich interessiert. Bei der Berufs­wahl also eher nicht die Kommilitonen, sondern lieber der Chef aus dem letzten Praktikum. Allerdings muss man beden­ken: auch wenn man sich mit erfahrenen Praktikern ausgetauscht hat, erhält man am Ende nicht unbedingt eine eindeutige Antwort. Deshalb rate ich, auch auf die innere Stimme zu hören.

Also auf das Bauchgefühl?
Ja, Intuition produziert oft die besseren Entscheidungen.

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„Wo Artus auftaucht, ist niemals Winter“

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 8.1.2014

Im Jahr 2006 fand der Mediävist Christoph Fasbender im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt das Manuskript von Dietrich von Hopfgarten aus dem Jahr 1455. Die Handschrift basiert auf dem Versroman „Wigalois“ des mittelhochdeutschen Dichters Wirnt von Grafenberg und beschreibt den Ritter Wigelis, der an König Artus’ Hof den Auftrag erhält, ein unterdrücktes Land zu befreien.
Im Interview erklärt der Wissenschaftler, welche Bedeutung dieser Fund hat, warum Artus ein europäischer Mythos ist und was ihn persönlich an dem legendären König fasziniert.

Professor Fasbender, wie haben Sie das Fragment des Versromans „Wigalois“ eigentlich gefunden?
Ich suchte in der Bibliothek des Erfurter Evangelischen Augustinerklosters ein ganz anderes Schriftstück. Der Bibliothekar zeigte mir dann dieses einzelne Fragment, weil er dachte, dass es für mich ebenfalls interessant sein könnte. Ein Glücksfall!

Warum ist nur eine Seite erhalten?
Wahrscheinlich löste ein Mitarbeiter der Bibliothek in den sechziger oder siebziger Jahren das Fragment aus einem Buchdeckel aus. Aus welchem Band es stammt, konnte ich leider nicht feststellen, obwohl ich die ganze Bibliothek auf den Kopf gestellt habe. Glücklicherweise haben wir die letzte Seite gefunden, dort hat der Autor immerhin seinen Namen und der Schreiber das Datum notiert.

Welche Bedeutung hat dieser Fund?
Es ist die erste bekannte Übertragung eines Artusromans in ein Heldengedicht. Der Mythos wechselte damit zum ersten Mal das Genre. Vorher gab es vor allem die bekannten Artusromane sowie eine breite, mündliche Erzähltradition. Seltener sind leider bildliche Zeugnisse. An skandinavischen Stabkirchen, auf Wandteppichen in der Lüneburger Heide und auf Schloss Runkelstein in Südtirol hat man jedoch einige Szenen aus dem Mythos gefunden.

Mittelhochdeutsche Gedichte, Fresken in Südtirol: Ist Artus ein europäischer Mythos?
Definitiv. Die Legende um Artus verbreitete sich im 12. Jahrhundert sehr schnell: von England nach Frankreich, über die Niederlande und Deutschland nach Tschechien und Polen bis hin nach Skandinavien. König Artus ist das, was man einen europäischen Erinnerungsort nennt. Das ist keine geographische Beschreibung, sondern kommt aus dem Französischen: lieu de memoire. Gemeint ist eine Figur, die für gemeinsame europäische Sehnsüchte und Ideale steht.

Welche Ideale machten den Mythos so erfolgreich?
Der Mythos spricht die besten Eigenschaften des Menschen an: Großzügigkeit, Loyalität, Verlässlichkeit. Dafür stehen Artus und seine Tafelrunde. Auf diese Tugenden legen wir auch heute noch viel Wert. Deshalb entwickelt sich der Mythos stets weiter. Denken Sie an Gandalf aus dem „Herrn der Ringe“ oder an Albus Dumbledore aus „Harry Potter“ – das sind Weiterentwicklungen des Zauberers Merlin. Der Artusmythos lebt in der Jugendkultur weiter. Viele junge Menschen beschäftigen sich intensiv damit: durch Computerspiele, Rollenspiele wie „Dungeons & Dragons“, Musik, Literatur und Hollywoodfilme.

Kann der Artusmythos denn nur literatur- und kulturwissenschaftlich erfasst werden?
Ich weiß, dass es ein großes Bedürfnis gibt, historisch fundierte Belege für Artus’ Existenz und Herrschaft zu finden. Es gibt allerdings ein geschichtliches Loch von 500 Jahren, das wir nicht stopfen können: vom späten 5. Jahrhundert nach Christus – also vermutlich Artus’ Lebzeiten – bis hin zu der ersten literarischen Erwähnung bei Geoffrey von Monmouth um 1135. Ich denke, die Menschen interessierten sich damals nicht für historische Tatsachen. Einfache Erzählmuster – in der Fachsprache nennen wir das narrative Schablonen – waren in der Überlieferung erfolgreicher. Ich selbst würde gar nicht wissen wollen, was wirklich passiert ist, sondern wie der Mythos erzählt wird. Das verrät eine ganze Menge über uns selbst.

Was fasziniert Sie noch an Artus?
Artus hatte es verdammt schwer. Man versuchte, ihm die Frau auszuspannen, er hatte viele Schlachten zu schlagen und schwierige Entscheidungen zu treffen. Deshalb mögen wir ihn. Außerdem muss es Brüche und Tragik geben, wenn man zum Mythos werden will. Gleichzeitig will Artus ständig Feste feiern. Das ist auch Thema im „Wigalois“: Artus lädt den Protagonisten zu einer großen Feier ein, dieser verabschiedet sich jedoch früh mit der Entschuldigung, dass er als Landesherr noch viel zu tun habe. Artus lag das politische Tagesgeschäft dagegen nicht so, er hatte etwas der Wirklichkeit Entrücktes. Übrigens hält Artus sich auch nicht gerne an die Jahreszeiten.

Das müssen Sie erklären.
In den Romanen und Gedichten wird Artus immer mit Frühling, ausschlagenden Bäumen und grünen Wiesen in Verbindung gebracht. Zu Pfingsten hält er Hof. Wo immer Artus auch auftaucht, ist niemals Winter, und es hat selbstverständlich auch nicht zu regnen.

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Erfolgreicher Rebrush bei nationalgeographic.de

Ein halbes Jahr Arbeit, dann war es endlich soweit – zusammen mit meinen Kollegen Tanja Krämer und Timo Höcke konnte ich bei nationalgeographic.de einen längst überfälligen Rebrush umsetzen.

So sah die alte Website von NATIONAL GEOGRAPHIC aus:

Doch damit ist nun Schluss. Moderne Slideshow, ein übersichtliches Layout und interaktive Features machen nationalgeographic.de wesentlich attraktiver. Selbst Apple nutzt einen Screenshot unserer Seite, um für das neue Betriebssystem zu werben. Aber seht selbst:

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„Das Brauchtum erlebt ein Comeback“

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 5.12.2013

Professor Nußbaumer, Sie sind eigentlich Musikwissenschaftler. Wie sind Sie zur Brauchtumsforschung gekommen?
Die Musik spielt bei vielen Bräuchen eine ganz zentrale Rolle, es wird gesungen und getanzt. Ich beschäftige mich vor allem mit Volksmusik, die ohnehin sehr funktional ist und stets einen bestimmten Zweck erfüllt. Nirgendwo tritt die Volksmusik jedoch funktionaler auf als im Brauchtum. Das reicht vom Klöckeln bis hin zum Sternsingen oder zur Fastnacht.

Sie haben sich vor allem mit den Bräuchen im Alpenraum befasst. Wo liegt deren Ursprung?
Darüber gibt es einige Spekulationen. Sicher ist aber, dass es gerade bei den Fastnachtsbräuchen einen christlichen Zusammenhang gibt. Fälschlicherweise wird oft behauptet, dass die Fastnacht einen heidnischen Ursprung hat. Die Quellen zeigen aber, dass sie im Mittelalter entstand und auf die katholische Fastenzeit Bezug nimmt. Sicherlich gibt es auch ältere Wurzeln, aber die können wir heute nicht mehr nachweisen.

Welche Funktionen erfüllen Bräuche?
Neben der religiösen Komponente hatten die Bräuche vor allem eine soziale Funktion. Zum Beispiel war das Klöckeln für die jungen Männer eine gute Gelegenheit, die Töchter des Hauses kennen zu lernen, wenn sie von Hof zu Hof zogen. Schließlich war es verpönt, ledig zu bleiben. Heute haben diese Traditionen jedoch eine ganz andere Funktion. Sie wirken identitätsstiftend – das hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt.

Wer übt diese Bräuche heute aus?
Auch das hat sich gewandelt. Heute sind sämtliche Berufsgruppen und sozialen Gruppen vertreten. Besonders die Vereine engagieren sich im Brauchtum, von der Freiwilligen Feuerwehr bis hin zum Fußballverein. Außerdem schließen sich Freunde und Nachbarn zusammen. Früher waren es dagegen Menschen, die ausschließlich in der Landwirtschaft arbeiteten. Deren Anzahl hat sich extrem verkleinert, in Tirol sind es beispielsweise nur noch vier Prozent.

Verliert das Brauchtum an Bedeutung?
Im Gegenteil, es erlebt ein Comeback. Derzeit gibt es einen richtigen Boom der Fastnachtstraditionen, allerdings gilt das nur für Bräuche mit großer Öffentlichkeitswirkung. Traditionen im Familienkreis verlieren an Relevanz.

Auch für den Tourismus sind spektakuläre Traditionen interessant. Gibt es eine Kommerzialisierung des Brauchtums?
Nein, die meisten Bräuche sind zu komplex, als dass man sie kommerzialisieren könnte. Allerdings wird heftig darüber diskutiert, ob man bestimmte Traditionen, wie etwa das Klöckeln im Sarntal, vor Touristen aufführen soll oder nicht. Fast alle Bräuche benötigen ein Publikum, das antwortet und reagiert. Beim Klöckeln im Gröden (Südtirol) beispielsweise war es früher ganz zentral, dass zwischen den Köcklern und den Hausleuten ein Wortgefecht, ein verbaler Schlagabtausch entstand. Dieses Aufeinander-Eingehen der Brauchausübenden und ihres „Publikums“ war ein wichtiger Teil des Spiels. Heute hat sich der Brauch gewandelt und wird nur noch zur Unterhaltung des ausländischen Ski-Weltcup-Trosses, der sich jährlich im Dezember in Wolkenstein und St. Christina in Gröden aufhält, ausgeübt. Ich bin einmal mit einer Klöcklergruppe aus Wolkenstein von Hotel zu Hotel gezogen, um dies zu dokumentieren.. Das Publikum der Klöckler waren somit keine Einheimischen, sondern Sportler und Funktionäre aus aller Welt. Sie saßen beim Abendessen und haben gar nicht verstanden, was da passierte. Bei den Vorführungen vor Fremden entfällt logischerweise der gesamte verbale Teil und der Brauch wird zu einer reinen Folklore-Veranstaltung ohne jegliche weitere Funktion.

Jedes Jahr zu Halloween wird heftig diskutiert, ob dieser Brauch wirklich zu uns gehört. Was halten Sie davon?
Ich habe da weniger Berührungsängste. Im Brauchtum gab es schon immer Innovationen. Halloween ist bei Kindern sehr beliebt, die sehen das in den Medien und wollen das Fest auch feiern. Und was spricht dagegen, schließlich leben wir in einer Medienwelt. Bräuche verändern sich, sie entwickeln sich weiter und übernehmen fremde Komponenten. Auch früher führte man neue Handlungselemente oder Choreographien ein, andere Teile wurden dagegen abgeschafft – das ist ganz normal.

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Palmöl: Das Problem mit dem fettigen Gold

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 2.12.2013

Als Ende November der Deutsche Nachhaltigkeitspreis in Düsseldorf vergeben wurde, stand auch ein gutes Stück Vergangenheitsbewältigung auf dem Programm. 2012 bekam Unilever den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Deutschlands Nachhaltigste Zukunftsstrategien“ – in der Umweltschutzszene sorgte das für einen Eklat. Umweltschutzorganisationen wie „Robin Wood“ oder „Rettet den Regenwald“ warfen dem Konzern damals vor, aufgrund seines hohen Palmöl-Verbrauchs indirekt an den massiven Waldrodungen beteiligt zu sein.

An Palmöl kommt kein Konsument vorbei – es steckt in Margarine, Putzmitteln und Kosmetik. Rund 25 Millionen Tonnen werden weltweit produziert, nach Soja ist es der wichtigste Agrarrohstoff. Für Länder wie Indonesien und Malaysia ist Palmöl deshalb eines der wichtigsten Exportgüter. Um der steigenden Nachfrage – vor allem aus Indien und China – gerecht zu werden, werden immer mehrWaldflächen gerodet. Die Brände belasten das Klima stark, zudem werden einheimische Tier- und Pflanzenarten wie der Orang-Utan verdrängt.

Auf dem diesjährigen Nachhaltigkeitskongress stellte Unilever zusammen mit der REWE Group, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dem WWF sowie Greenpeace, die Initiative „Forum Nachhaltiges Palmöl“ vor. Dieser Zusammenschluss sei nötig, um mehr Druck auf Händler, Zulieferer und Plantagenmanager auszuüben, sagte der Sprecher von Unilever, Merlin Koene, auf dem Kongress.

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Lichtverschmutzung: „Wir müssen Fehler vermeiden“

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 28.10.2013

In Berlin findet die erste interdisziplinäre Konferenz zu Künstlichem Licht statt. Die Veranstalter wollen damit auf die schädlichen Einflüsse künstlichen Lichts aufmerksam machen. Zu ihnen gehört auch der Ökologe Franz Hölker, der Projektleiter des Forschungsverbundes „Verlust der Nacht“.

Sie engagieren sich für einen maßvolleren Einsatz von künstlichem Licht. Warum?
Wir stellen schon seit einigen Jahren fest, dass die globale Lichtverschmutzung stark zunimmt. Pro Jahr erhellt sich der Nachthimmel um ungefähr sechs Prozent. Das zeigen Langzeitmessungen der Himmelshelligkeit an verschiedenen Observatorien, die wir verglichen haben. In wenigen Jahrzehnten – erdgeschichtlich ein Wimpernschlag – haben wir die Nachtlandschaften auf der Erde enorm verändert. Das hat großen Einfluss auf viele Organismen, auch auf uns Menschen. Allerdings wissen wir noch zu wenig über die möglichen Konsequenzen. Deshalb ist es wichtig, zu untersuchen, welche Folgen dies haben kann und ab wann aus künstlichem Licht in der Nacht Lichtverschmutzung wird – mit negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur.

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5 Recherche-Dienstleister im Test

Lisa Srikiow © Der Journalist, 11/2013

Von Recherchescout bis zum Informationsdienst Wissenschaft – der journalist hat fünf Rechercheportale ausprobiert. Testsieger: ein Angebot der TU Dortmund.

Wenn Zeit und Fachwissen bei Journalisten knapp sind, können sie einen Teil der Recherche auch an andere abgeben. Zumindest lautet so das Angebot zahlreicher Dienstleister, die Journalisten ihre Hilfe anbieten. Mitte September etwa startete Recherchescout, ein Portal, das damit wirbt, in kürzester Zeit Material und Ansprechpartner für eine schnelle und tiefgründige Recherche zu finden. Nicht das einzige neue Portal, das seit 2013 Journalisten unterstützen will.

Doch was bringen solche Angebote tatsächlich? journalist-Autorin Lisa Srikiow hat sie getestet und geschaut, was passiert, wenn man Recherchen für eigene Artikel und Beiträge an Außenstehende abtritt.

Fünf Anbietern stellte sie dieselbe Frage: Welche Folgen für die Gesundheit kann Lichtverschmutzung haben? Die Wahl fällt auf das Thema Lichtverschmutzung, denn obwohl die meisten Angebote frei in ihrer thematischen Ausrichtung sind, gibt es auch einige Spezial-Dienstleister mit medizinisch-wissenschaftlichem Fokus. Bei ihrer Anfrage bittet Lisa Srikiow um Hinweise zu Gesprächspartnern sowie Informationen zu Studien und Projektgruppen. Und das kam dabei heraus …

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Alle Augen auf Baku

Lisa Srikiow © Der Journalist 2/2012

Im Mai wird der 57. Eurovision Song Contest ausgetragen. Ort des Spektakels ist das autoritär regierte Aserbaidschan. Wie bereiten sich deutsche Journalisten vor?

221 Punkte brachten Ell und Nikki den Sieg. Platz eins für Aserbaidschan. So war es beim Eurovision Song Contest (ESC) 2011. In Sachen Pressefreiheit rangiert das zentralasiatische Land jedoch auf Platz 162. Reporter ohne Grenzen listet Aserbaidschan noch hinter dem Irak und Afghanistan.

Um das negative Image abzustreifen, investiert die Regierung viel. Angeblich will das durch Erdöl reich gewordene Land eine Milliarde Euro für den ESC ausgeben, der diesmal in Aserbaidschans Hauptstadt Baku gastiert. Aserbaidschan als würdiger Gastgeber – das sollen die Medien nach dem Willen des Regimes abbilden.

Wie bereiten sich deutsche Journalisten auf Baku vor? Jan Feddersen berichtet seit vielen Jahren für die taz und den NDR über den ESC. Von einem Boykott der Veranstaltung, wie er teils in der Politik gefordert wurde, hält Feddersen nichts. „Aserbaidschan hat die Teilnahme am ESC immer sehr ernst genommen. Warum sollte man ihnen die Gastgeberrolle verwehren – zumal alle, die nach Baku fahren, besonders empfindsam auf Menschenrechtsprobleme reagieren werden.“ Der Wettbewerb sei „immer schon politisch“ gewesen. Feddersen setzt auf Entspannungspolitik, verbittet sich aber jede Einflussnahme. „Wenn ich in Baku etwas zu kritisieren habe, werde ich das auch tun.“

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