„Wo Artus auftaucht, ist niemals Winter“

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 8.1.2014

Im Jahr 2006 fand der Mediävist Christoph Fasbender im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt das Manuskript von Dietrich von Hopfgarten aus dem Jahr 1455. Die Handschrift basiert auf dem Versroman „Wigalois“ des mittelhochdeutschen Dichters Wirnt von Grafenberg und beschreibt den Ritter Wigelis, der an König Artus’ Hof den Auftrag erhält, ein unterdrücktes Land zu befreien.
Im Interview erklärt der Wissenschaftler, welche Bedeutung dieser Fund hat, warum Artus ein europäischer Mythos ist und was ihn persönlich an dem legendären König fasziniert.

Professor Fasbender, wie haben Sie das Fragment des Versromans „Wigalois“ eigentlich gefunden?
Ich suchte in der Bibliothek des Erfurter Evangelischen Augustinerklosters ein ganz anderes Schriftstück. Der Bibliothekar zeigte mir dann dieses einzelne Fragment, weil er dachte, dass es für mich ebenfalls interessant sein könnte. Ein Glücksfall!

Warum ist nur eine Seite erhalten?
Wahrscheinlich löste ein Mitarbeiter der Bibliothek in den sechziger oder siebziger Jahren das Fragment aus einem Buchdeckel aus. Aus welchem Band es stammt, konnte ich leider nicht feststellen, obwohl ich die ganze Bibliothek auf den Kopf gestellt habe. Glücklicherweise haben wir die letzte Seite gefunden, dort hat der Autor immerhin seinen Namen und der Schreiber das Datum notiert.

Welche Bedeutung hat dieser Fund?
Es ist die erste bekannte Übertragung eines Artusromans in ein Heldengedicht. Der Mythos wechselte damit zum ersten Mal das Genre. Vorher gab es vor allem die bekannten Artusromane sowie eine breite, mündliche Erzähltradition. Seltener sind leider bildliche Zeugnisse. An skandinavischen Stabkirchen, auf Wandteppichen in der Lüneburger Heide und auf Schloss Runkelstein in Südtirol hat man jedoch einige Szenen aus dem Mythos gefunden.

Mittelhochdeutsche Gedichte, Fresken in Südtirol: Ist Artus ein europäischer Mythos?
Definitiv. Die Legende um Artus verbreitete sich im 12. Jahrhundert sehr schnell: von England nach Frankreich, über die Niederlande und Deutschland nach Tschechien und Polen bis hin nach Skandinavien. König Artus ist das, was man einen europäischen Erinnerungsort nennt. Das ist keine geographische Beschreibung, sondern kommt aus dem Französischen: lieu de memoire. Gemeint ist eine Figur, die für gemeinsame europäische Sehnsüchte und Ideale steht.

Welche Ideale machten den Mythos so erfolgreich?
Der Mythos spricht die besten Eigenschaften des Menschen an: Großzügigkeit, Loyalität, Verlässlichkeit. Dafür stehen Artus und seine Tafelrunde. Auf diese Tugenden legen wir auch heute noch viel Wert. Deshalb entwickelt sich der Mythos stets weiter. Denken Sie an Gandalf aus dem „Herrn der Ringe“ oder an Albus Dumbledore aus „Harry Potter“ – das sind Weiterentwicklungen des Zauberers Merlin. Der Artusmythos lebt in der Jugendkultur weiter. Viele junge Menschen beschäftigen sich intensiv damit: durch Computerspiele, Rollenspiele wie „Dungeons & Dragons“, Musik, Literatur und Hollywoodfilme.

Kann der Artusmythos denn nur literatur- und kulturwissenschaftlich erfasst werden?
Ich weiß, dass es ein großes Bedürfnis gibt, historisch fundierte Belege für Artus’ Existenz und Herrschaft zu finden. Es gibt allerdings ein geschichtliches Loch von 500 Jahren, das wir nicht stopfen können: vom späten 5. Jahrhundert nach Christus – also vermutlich Artus’ Lebzeiten – bis hin zu der ersten literarischen Erwähnung bei Geoffrey von Monmouth um 1135. Ich denke, die Menschen interessierten sich damals nicht für historische Tatsachen. Einfache Erzählmuster – in der Fachsprache nennen wir das narrative Schablonen – waren in der Überlieferung erfolgreicher. Ich selbst würde gar nicht wissen wollen, was wirklich passiert ist, sondern wie der Mythos erzählt wird. Das verrät eine ganze Menge über uns selbst.

Was fasziniert Sie noch an Artus?
Artus hatte es verdammt schwer. Man versuchte, ihm die Frau auszuspannen, er hatte viele Schlachten zu schlagen und schwierige Entscheidungen zu treffen. Deshalb mögen wir ihn. Außerdem muss es Brüche und Tragik geben, wenn man zum Mythos werden will. Gleichzeitig will Artus ständig Feste feiern. Das ist auch Thema im „Wigalois“: Artus lädt den Protagonisten zu einer großen Feier ein, dieser verabschiedet sich jedoch früh mit der Entschuldigung, dass er als Landesherr noch viel zu tun habe. Artus lag das politische Tagesgeschäft dagegen nicht so, er hatte etwas der Wirklichkeit Entrücktes. Übrigens hält Artus sich auch nicht gerne an die Jahreszeiten.

Das müssen Sie erklären.
In den Romanen und Gedichten wird Artus immer mit Frühling, ausschlagenden Bäumen und grünen Wiesen in Verbindung gebracht. Zu Pfingsten hält er Hof. Wo immer Artus auch auftaucht, ist niemals Winter, und es hat selbstverständlich auch nicht zu regnen.

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