„Das Brauchtum erlebt ein Comeback“

Lisa Srikiow © nationalgeographic.de, 5.12.2013

Professor Nußbaumer, Sie sind eigentlich Musikwissenschaftler. Wie sind Sie zur Brauchtumsforschung gekommen?
Die Musik spielt bei vielen Bräuchen eine ganz zentrale Rolle, es wird gesungen und getanzt. Ich beschäftige mich vor allem mit Volksmusik, die ohnehin sehr funktional ist und stets einen bestimmten Zweck erfüllt. Nirgendwo tritt die Volksmusik jedoch funktionaler auf als im Brauchtum. Das reicht vom Klöckeln bis hin zum Sternsingen oder zur Fastnacht.

Sie haben sich vor allem mit den Bräuchen im Alpenraum befasst. Wo liegt deren Ursprung?
Darüber gibt es einige Spekulationen. Sicher ist aber, dass es gerade bei den Fastnachtsbräuchen einen christlichen Zusammenhang gibt. Fälschlicherweise wird oft behauptet, dass die Fastnacht einen heidnischen Ursprung hat. Die Quellen zeigen aber, dass sie im Mittelalter entstand und auf die katholische Fastenzeit Bezug nimmt. Sicherlich gibt es auch ältere Wurzeln, aber die können wir heute nicht mehr nachweisen.

Welche Funktionen erfüllen Bräuche?
Neben der religiösen Komponente hatten die Bräuche vor allem eine soziale Funktion. Zum Beispiel war das Klöckeln für die jungen Männer eine gute Gelegenheit, die Töchter des Hauses kennen zu lernen, wenn sie von Hof zu Hof zogen. Schließlich war es verpönt, ledig zu bleiben. Heute haben diese Traditionen jedoch eine ganz andere Funktion. Sie wirken identitätsstiftend – das hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt.

Wer übt diese Bräuche heute aus?
Auch das hat sich gewandelt. Heute sind sämtliche Berufsgruppen und sozialen Gruppen vertreten. Besonders die Vereine engagieren sich im Brauchtum, von der Freiwilligen Feuerwehr bis hin zum Fußballverein. Außerdem schließen sich Freunde und Nachbarn zusammen. Früher waren es dagegen Menschen, die ausschließlich in der Landwirtschaft arbeiteten. Deren Anzahl hat sich extrem verkleinert, in Tirol sind es beispielsweise nur noch vier Prozent.

Verliert das Brauchtum an Bedeutung?
Im Gegenteil, es erlebt ein Comeback. Derzeit gibt es einen richtigen Boom der Fastnachtstraditionen, allerdings gilt das nur für Bräuche mit großer Öffentlichkeitswirkung. Traditionen im Familienkreis verlieren an Relevanz.

Auch für den Tourismus sind spektakuläre Traditionen interessant. Gibt es eine Kommerzialisierung des Brauchtums?
Nein, die meisten Bräuche sind zu komplex, als dass man sie kommerzialisieren könnte. Allerdings wird heftig darüber diskutiert, ob man bestimmte Traditionen, wie etwa das Klöckeln im Sarntal, vor Touristen aufführen soll oder nicht. Fast alle Bräuche benötigen ein Publikum, das antwortet und reagiert. Beim Klöckeln im Gröden (Südtirol) beispielsweise war es früher ganz zentral, dass zwischen den Köcklern und den Hausleuten ein Wortgefecht, ein verbaler Schlagabtausch entstand. Dieses Aufeinander-Eingehen der Brauchausübenden und ihres „Publikums“ war ein wichtiger Teil des Spiels. Heute hat sich der Brauch gewandelt und wird nur noch zur Unterhaltung des ausländischen Ski-Weltcup-Trosses, der sich jährlich im Dezember in Wolkenstein und St. Christina in Gröden aufhält, ausgeübt. Ich bin einmal mit einer Klöcklergruppe aus Wolkenstein von Hotel zu Hotel gezogen, um dies zu dokumentieren.. Das Publikum der Klöckler waren somit keine Einheimischen, sondern Sportler und Funktionäre aus aller Welt. Sie saßen beim Abendessen und haben gar nicht verstanden, was da passierte. Bei den Vorführungen vor Fremden entfällt logischerweise der gesamte verbale Teil und der Brauch wird zu einer reinen Folklore-Veranstaltung ohne jegliche weitere Funktion.

Jedes Jahr zu Halloween wird heftig diskutiert, ob dieser Brauch wirklich zu uns gehört. Was halten Sie davon?
Ich habe da weniger Berührungsängste. Im Brauchtum gab es schon immer Innovationen. Halloween ist bei Kindern sehr beliebt, die sehen das in den Medien und wollen das Fest auch feiern. Und was spricht dagegen, schließlich leben wir in einer Medienwelt. Bräuche verändern sich, sie entwickeln sich weiter und übernehmen fremde Komponenten. Auch früher führte man neue Handlungselemente oder Choreographien ein, andere Teile wurden dagegen abgeschafft – das ist ganz normal.

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